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am 30. Jänner

KOMMENTAR: ÖSTERREICHS PROBLEM - WEIBLICHE MORDOPFER

Tanja Windbüchler - Wir müssen endlich über Männergewalt sprechen

Ein Mord ist ein Mord, unabhängig woher der Täter stammt, egal ob aus Österreich oder aus China oder aus Brasilien oder aus Syrien. 2017 wurden in Österreich nach Angaben des Bundeskriminalamts 77 Frauen Opfer von Mord oder Mordversuchen, davon wurden 34 Frauen ermordet. 2018 gab es über 40 weibliche Mordopfer.

Das Jahr 2019 hat ähnlich begonnen: Es sind in NÖ bereits fünf Frauen tot. Ein Mann in Krumbach im Bezirk Wiener Neustadt soll seine Ex-Freundin getötet haben. Die Tat geschah nur einen Tag nachdem ein Mann seine Frau und vierfache Mutter in Greinsfurth im Bezirk Amstetten mit einem Messer getötet haben soll. Und vr zwei Wochen: die Fassungslosigkeit über den Tod einer 16-jährigen in Wiener Neustadt ist groß, die Ohnmacht darüber spürbar. Und wieder ein Mann, der eine Frau umgebracht, ein Leben ausgelöscht haben soll.

Jede 5. Frau ist Opfer von Männergewalt! Eine Beziehung wird zur Falle. Das eigene Zuhause wird für Frauen und Kinder zum gefährlichsten Ort.

Aus Erfahrung als Sozialarbeiterin im Gewaltschutzbereich weiß ich, dass die gefährlichste Zeit in einer Beziehung mit einem Gewalttäter, die der Trennung ist, die der Abweisung, die der Zurückweisung. Wenn Frauen sich bedroht fühlen, Anzeige erstatten, braucht es eine Justiz, die die Ängste aber vor allem die Delikte ernst nimmt. Die Kritik der Frauenhäuser und Gewaltschutzzentren ist berechtigt sowie die aktuelle Forderung nach stärkeren Präventionsmaßnahmen im gesamten Bildungssystem, in Vereinen und auch in Bezirken bzw. Gemeinden. Es brauche mehr Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche; Einrichtungen zum Opferschutz und Männerberatung sollen enger zusammenarbeiten. Und Gesundheitsfachkräfte sollen gewaltbedingte Verletzungen und Beschwerden als solche erkennen und entsprechend mit den Betroffenen umgehen.

Eine Anzeige wegen Gewalt, Gewaltandrohung, Mordversuch oder sexuelle Übergriffe im Beziehungsumfeld ist keine Lappalie. Strafverfolgung und Verurteilung sind notwendig, genausp wie präventive Maßnahmen.

Den toten Frauen hilft das nicht mehr. Ich weiß! Und den Angehörigen auch nicht! Auch das weiß ich. Die Anteilnahme gehört auch ganz der Familie!

Dennoch eine Geschichte aus meinem Sozialarbeiterinnen-Dasein: Ich werde in meinem ganzen Leben niemals meine ersten Erfahrungen mit einer Toten vergessen, einer Klientin von mir. Die Hilfesuchende wurde von ihrem Mann im Schlaf erstochen.. Nur wenige Tage davor habe ich sie noch gesehen. Sie wollte sich trennen, er wollte das nicht zulassen. Er hat sie erstochen, weil: „wenn sie ihm nicht gehört, darf sie niemanden gehören.“

Mir ist es vollkommen egal woher Täter kommen, wieviel sie verdienen, welcher Religion sie angehören. Jegliche Gewalt an Frauen und Kindern ist mit nichts zu rechtfertigen! Politik, Justiz, Exekutive sind gemeinsam gefordert, diese dramatische Mordrate zu reduzieren.

Nur... so einfach ist der überparteiliche Schulterschluss gegen Gewalt dann doch nicht. Denn abhängig von der Herkunft des Täters wird mit verschiedenerlei Maß gemessen, als gäbe es bessere und schlechtere Mörder.

Politische Mandatare haben kein Recht, aus einem so fassunglos-machenden Mord politisches Kleingeld zu schlagen. Vom einem Wiener Neustädter Sozialstadtrat erwarte ich mir, dass er der Familie Unterstützung anbietet, vielleicht auch das Begräbnis finanziert und nicht, dass er durch mehrere rassistisch motivierte Postings die Stimmung anheizt und dann einen Tag lang durch die Medien des Landes tourt. Das ist der primitive, verrohte Weg der AfD in Deutschland und der FPÖ in Österreich. Und auch die ÖVP macht munter mit.

Die gesellschaftliche Ohnmacht über einen Mord ist psychologisch einfach zu vereinnahmen, nämlich durch Hass und Hetze.

Es ist leicht einen Yazan zu hassen, die sogenannte Willkommenskultur, die NGOs und Hilfesysteme zu verteufeln. Er - und am besten gleich alle Geflüchteten - müssen sofort abgeschoben werden. Es ist aber nicht so einfach einen Helmut für alle männlichen Gewalttaten von österreichischen Tätern zu verteufeln, weil der Helmut ist halt dann doch nicht einfach abzuschieben. Gibt es also bessere und schlechtere Mörder? Ich meine, nein, mit Sicherheit nicht! Die Debatte läuft vollkommen aus dem Ruder.

Was kommt als nächstes: die Todesstrafe wieder einzuführen, weil Facebook-User das wollen?

Genau wegen dieser verbalen Verrohung und einseitiger Betrachtung auf die gesellschaftspolitisch sensible Problematik, wird der Ursprung vollkommen übersehen: nämlich die Bekämpfung von Männergewalt an Frauen und Kinder!