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am 13. November 2017

Wir Menschen überleben nur im Einklang mit der Natur

Tanja Windbüchler - Kritische Auseinandersetzung mit der Verkehrspolitik & Ostumfahrung

Es gibt zu viel Individualverkehr in Wiener Neustadt, das ist unbestritten. Dies verringert die Lebensqualität. Ich habe es vor meiner Haustüre mit den eiligen PKW-Fahrern - vor allem mit den Kennzeichen MA, EU, WB und NK - zu tun, wie fast jeder andere Bewohner unserer Stadt. In der Früh, am späten Nachmittag, an Aktionstagen in einem Einkaufszentrum, an Freitagen und Samstagen, eigentlich immer. Als radfahrende Mutter ist es jeden Tag in der Früh aufs Neue eine Geduldsprobe, mit dem hektisch-fließenden Autoverkehr in Einklang zu kommen, damit meine Tochter zeitgerecht und unbeschadet in ihrer Schule sein kann. All diese Autofahrer haben Wege in Wiener Neustadt, die Fahrt über die Ostumfahrung wird für sie deshalb keine Option sein.

Die Belastung durch Abgasemissionen ist in Wiener Neustadt nachgewiesenerweise hoch. Dazu kommt, dass der großvolumige Wohnbau seit zig Jahren gefördert wird, ohne gleichzeitig Verkehrskonzepte dafür zu erstellen. Das Kleine Lazarett ist das Negativbeispiel dafür schlechthin. Wie kann großvolumiger Wohnbau, aber nicht das dazugehörende Verkehrs- und Umweltkonzept überhaupt umgesetzt werden? Das ist unvorstellbar, aber wahr und die Auswirkungen merken all jene Tag für Tag, die auf der Neudörflerstrasse in Richtung Innenstadt fahren inklusive unserer Busse, die ebenso im Stau stehen und Verspätungen verzeichnen müssen. Und eine neue Ampelschaltung macht die Situation insgesamt nur schlimmer und nicht besser!

Der verständliche Ärger der Anrainer ist immer vorprogrammiert, städtische Verkehspolitik zur Entlastung aller (!) hat vollkommen ausgelassen. Die Ostumfahrung, ein Konzept das mehr als 40 Jahre alt ist, wird aber all die berechtigten Hoffnungen auf Entlastung, Ruhe und gesunde Luft leider nicht erfüllen können. In den Unterlagen zum UVP-Verfahren wird mehr Verkehr prognostiziert, also mehr Autos, mehr Abgase und mehr Lärm. Auf Fauna und Flora wird dies alles negative Auswirkungen haben, auch auf naturgeschützte Tierarten.

Ob die Tiere nun wichtiger sind, als die Menschen, wurde ich schon oft gefragt. Darauf gibt es nur eine Antwort: "Wir Menschen überleben nur im Einklang mit der Natur". Möglicherweise ist die Feldhamsterpopulation, die südöstlich von Lichtenwörth und Zillingdorf gesichtet wurde, für den einen oder anderen nicht wichtig, aber sie ist ein Gradmesser für eine intakte Umwelt. Vielleicht sind die Auswikungen eines Hochwassers in dem Gebiet der Ostumfahrung für den einen oder anderen nicht wichtig, für die Nachbarn der Ostumfahrung aber schon. Vielleicht ist dem einen oder anderen die Luftgüte nicht wichtig, für Eltern eines asthmaerkrankten Kindes aber schon. Es geht also nicht darum, die eine Gruppe gegen die andere auszuspielen, es geht immer um den Einklang und darum, dass es mutige Alternativen zur Ostumfahrung braucht, die den Individualverkehr insgesamt eindämmen - zum Wohle aller unserer Stadt.

Dazu gehören Ausbau von Busspuren, Gratis-Öffis an Samstagen, Ausbau von sicheren Radstrecken gerade für Kinder oder auch Ecar-Sharingsysteme, damit Familien das teure Zweitauto nicht mehr bzw. überhaupt kein eigenes benötigen.

Verkehrspolitik ist mit Sicherheit eines der schwierigsten Politikfelder, aber was es dafür braucht sind umfassende Konzepte, Herz und Hirn, Expertise und politische Erfahrung. Verkehrspolitik ist immer auch Umwelt-, Klima-, Bau-, Gesundheits-, Beschaffungs-, Gesellschaftspolitik. Und wenn dieses Konzept nicht verfolgt wird, gibt es nur einen Fleckerteppich von Straßen und Wegen, die aneinander gereiht werden, die viel Verkehr produzieren und Wiener Neustadt im Gesamten belasten. Und genau das will ich nicht für Wiener Neustadt! Tanja Windbüchler-Souschill.

Initiatorin der Bürgerinitiative für Landschafts- und Anrainerschutz. Mutige Alternativen zur Ostumfahrung, kurz L.A.M.A.​